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Vom Feuer und der Coolness

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Vom Feuer und der Coolness

und von „modernen“ Verwandlungen im Seelenhaushalt

Wir haben gelernt, dass die Steinzeitmenschen Feuer machen konnten. Leicht unheimliche Bilder kommen in den Sinn, in denen haarige halbnackte Höhlenbewohner sich am Feuer wärmen, ihre karge Nahrung erhitzen und ihre dunkle, verrußte Behausung matt erleuchten.

Im „Dschungelbuch“ entführt der Affenkönig sogar den kindlichen Helden Mogli, nur um von ihm das Geheimnis des Feuermachens zu erfahren – das ihn „den Menschen gleich“ machen würde. – Vergeblich, denn das Dschungelkind beherrscht diese Zivilisationstechnik noch gar nicht, statt dessen bricht ein Waldbrand aus und man sieht eindringlich, wie gefährlich es wäre, wenn der Affenkönig über diese Kraft verfügen könnte.

Von den alten Griechen und Römern wissen wir, dass das Herdfeuer eine zentrale Rolle spielte. Es gab sogar eine Spezial-Göttin, Vesta, für das heilige Feuer, das nie ausgehen sollte – und ihre „Vestalinnen“ (Jungfrauen im Tempel) waren sehr beliebt…

In der „Olympischen Flamme“, die jedes Mal mit Fackeln symbolisch mit viel Aufwand um die Welt getragen wird, tradieren wir das heute noch.

Aber ansonsten? Im Alltag wollen wir eher „cool“ sein, und weit von solchen Mythen entfernt.
Wir haben das „fossile Zeitalter“ hinter uns, oder wünschen uns das zumindest. Die stinkenden, irgendwie schon überaltert wirkenden Verbrennungs-Motoren, die wir schnellstens ersetzen wollen; die ‚vorzeitlichen‘ Kohlekraftwerke, die als ineffiziente Dreckschleudern ungeheuren Ausmaßes verrufen sind. Wir haben auch das gelbe Licht der Glühfadenlampen abgeschafft (die sowieso, fast wie das Feuer, 90% Wärme statt Licht produzierten) und gegen moderne, effiziente und ‚cool‘ bleibende LED ausgetauscht. Wir brauchen auch kein zentrales, konzentriertes Licht mehr, sondern wollen „Ambient Lights“, die dimmbar überall aus dem Hintergrund scheinen und im Zweifelsfall eher die Decke beleuchten.

Der moderne Mensch braucht also kein Feuer mehr in seiner Höhle. Im Gegenteil – wir haben überall Rauchwarnmelder installiert, und die Raucher, die es immer noch nicht lassen können, vor die Türen verbannt.
Modernität scheint nicht „gelblich und warm“, sondern blau. Mit blauen LEDs, die den Betrieb anzeigen, auf „Vernetzung“ hindeuten oder als Stand-By-Symbolisierung ‚nie ausgehen‘. Blau angestrahlter Innenraum symbolisiert uns „Zukunft“ – so stellt man sich die Space Shuttles der Zukunft vor – und so schaffte auch die A-Klasse erst in dem Moment ihren Durchbruch, als ein bläuliches Ambient-Light von allen Seiten den Innenraum in Szene setzte. Armaturen, Anzeigen und Tastaturen leuchten blau aus dem Untergrund, Power-Knöpfe sind längst überall von Rot auf Blau gewechselt, etc. Das blaue Licht steht für uns symbolisch für „e-mobility“, „clean energy“, Vernetzung, für eine energiesparende und ‚zukunftsfähige‘ Welt mit Niedervolt-Technologie, die das schmuddelige Zeitalter der fossilen Verbrennung und Energieverschwendung abgelegt und weit hinter sich gelassen hat.

Wir sind „cool“ und blicken in die Zukunft.
Aber was macht unser Seelenleben mit seinem inneren Herdfeuer, das nie ausgehen darf, etc.? Sind das jetzt die blauen Stand-By Symbole unten am Monitor-Rand? Die virtuellen Zitate wie „Camp Fire“ im Netz, oder das knisternde virtuelle Lagerfeuer, das man sich schon seit vielen Jahren auf seinem iPhone anschalten kann, um die Seele zu wärmen?

Der Herd ist es jedenfalls nicht – abgesehen davon, dass niemand mehr „Heimchen am Herde“ sein will sondern höchstens Koch-Enthusiast, haben wir Induktions-Herde, die gar nicht mehr heiß werden. Ihre Kontrollierbarkeit und Genauigkeit machen auch die Gasflamme unnötig, die vor Jahren noch den ‚Profi‘ anzeigte, der die perfekte Zubereitung beherrscht.
Gut – das „Grillen“. Das ist für die Deutschen schon seit Jahrzehnten eine legitime „Auszeit von der Coolness“. Man riecht es an jedem halbwegs lauen Sommerabend überall, in den Großstädten pilgern die Menschen in die Parks , zünden sich gruppen-bzw. familienweise je ein eigenes Feuer an und versammeln sich fröhlich drum herum, ‚fast‘ wie die eingangs zitierten Steinzeitmenschen. Zwar ist selbst der mythische „Weber Grill“ längst nicht nur wahlweise mit Gas, sondern auch elektrisch zu haben (und einfache Elektrogrills kann man sowieso billig an jeder Ecke kaufen), aber die Deutschen grillen zu fast 70% am liebsten mit Kohle und sind ‚Weltmeister‘ im Pro-Kopf-Verbrauch an Grill-Holzkohle. Der Verbrauch stieg von rund 150.000 Tonnen im Jahr 2002 auf über 250.000 in 2016.

Irgendwie hat es sich wieder in unseren Alltag geschlichen, das Feuer…
Wenn man genauer hinschaut, sieht man es plötzlich überall – und zudem in zunehmend „rohen“ und quasi unkultivierten Formen. Schon seit vielen Jahren haben Kerzen die Wohnzimmer erobert – die im 20. Jh. jahrzehntelang nur „für Weihnachten, für ältere Leute und schlimmstenfalls für den Friedhof“ da waren. – Diese bekommt man zwar inzwischen auch mit Knopfzellen und LEDs, aber ‚irgendwie‘ siegen doch die brandgefährlichen und tropfenden Dinger. Wir hatten einen Boom der „Windlichter“ in allen Facetten, die zumindest bei der weiblichen Hälfte der Bevölkerung mindestens in einer Ecke standen. Zwar riechen sie heute nicht mehr nach „Verbrennung“, sondern „duften“ – aber sie sind aus den Inszenierungen der Wohnlichkeit kaum wegzudenken.

Und danach die Steigerung: nach Kerzen und lodernden Garten-Fackeln kamen erst die „Terrassenöfen“ über uns – z.B. seltsam geformte Töpfe aus gebranntem Ton, die als „Aztekenöfen“ handgemachte, rauchende Urigkeit vermittelten – und zuletzt die „Feuerschalen“ und „Feuerkörbe“, die inzwischen ubiquitär auf den Terrassen stehen. Große, grobe Teile aus gegossenem Eisen oder geschmiedetem Stahl, teils martialisch wirkend, in denen man auf ziemlich steinzeitliche Weise einfach Holz verbrennen kann, um sich daran zu wärmen. Für die Holzscheite muss man nicht mehr in den Wald, sondern bekommt sie an jeder Ecke – bzw. jeder größeren Tankstelle, jedem Baumarkt und sogar im Eingangsbereich vom LEH. Die Faszination des ‚Feuers in der Mitte der Gastlichkeit‘ scheint so groß, dass der Trend auch die ergriffen hat, die es „eigentlich“ gar nicht benutzen wollen – aber man stellt sich die Feuerschale zumindest zur Deko hin.

Und was sagt uns das? … Als Psychologen?
Mindestens, dass „die Sache mit der Coolness“ bei der Umsetzung im Alltag gar nicht so einfach zu sein scheint… Darauf verweist auch unsere Alltagssprache: Dinge, die wir schätzen, sind immer noch nicht nur „cool“; sondern auch „hot“; wir sind „Feuer und Flamme“ für etwas und meinen damit das Gegenteil ‚cooler‘ Distanziertheit. Dass die Faszination der ‚Zukunftsfähigkeit’ zwar immens groß ist und uns alle mehr oder minder erfasst hat (auch mehr als z.B. unsere europäischen Nachbarn), aber dass auf der anderen Seite auch in jedem Kulturmenschen noch ‚ein Funke Steinzeit‘ schlummert, der auf die eine oder andere Weise nach seinem Recht (und passenden Umgangsformen und Produkten) ruft.
Und das gilt eben nicht nur für das Feuer, wie uns die Psychologie der Wirkungseinheiten immer wieder vor Augen führt. Denn was „bringen“ uns z.B. die röhrenden, „stinkenden“ Verbrennungsmotoren, an denen die meisten am liebsten irgendwie festhalten möchten, was die e-mobility so schlecht ersetzen kann?

Autor: Mailin Herbst, mailin.herbst@conceptm.eu

Dr. Martin Schultze concept m

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2018-10-26T12:15:14+00:00 Blog, Studie|

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