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Mehrere politische Herzen schlagen in unserer Brust – Mehrfachparteibindungen in Deutschland

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Mehrere politische Herzen schlagen in unserer Brust – Mehrfachparteibindungen in Deutschland

Mit Parteibindungen bzw. Parteiidentifikationen ist gemeint, dass Bürger eine langfristige und stabile Zuneigung zu Parteien entwickeln können. Diese Bindung entsteht meist schon im Jugendalter. Eine solche Anhängerschaft wirkt dabei wie eine rosa Brille: Sie taucht die politischen Kandidaten und Themen der „eigenen“ Partei in ein vorteilhaftes Licht und erhöht die Wahrscheinlichkeit, auch diese Partei bei der nächsten Wahl zu wählen.

Während es für die USA als Zweiparteiensystem naheliegt, dass man entweder Demokrat oder Republikaner ist, ist dies für europäische Mehrparteiensysteme diskutabel.
Seit mehr als 50 Jahren werden in Deutschland Parteiidentifikationen gemessen. Neben einen Höchststand in den 1970er und 1980er Jahren haben in den Folgejahren immer weniger Personen eine Bindung an eine Partei. Nach wie vor – und dies wird bei der Diskussion um die Wechselhaftigkeit der Wähler gerne vergessen – hat aber immer noch die Mehrheit der Wähler eine solche tiefergehende Sympathie für eine Partei. Die bisherige Messung in Deutschland fragte aber immer nur nach einer Partei, mit der man sich verbunden fühlen konnte und ignorierte die Möglichkeit, dass auch mehrere politische Herzen in einer Brust schlagen können.

Deutschland bietet vom politischen System gute Voraussetzungen für die Herausbildung stabiler Parteibindungen. Die BRD besitzt ein – im europäischen Vergleich – relativ stabiles Parteiensystem, was ein Zeichen für demokratische Qualität ist und den Einfluss von extremistischen Gruppierungen minimiert. Zwischen diesen demokratischen Parteien besteht – von den Rändern untereinander mal abgesehen – prinzipielle und faktische Koalitionsfähigkeit. Anders als in anderen Ländern gibt es keine massiven Gräben oder unüberwindbare Konflikte zwischen den Parteien. Dies hat zur Folge, dass sich die Parteien teilweise nur wenig voneinander unterscheiden und Wahlkämpfe selten polarisiert, sondern langweilig sind.

Genau diese Erfahrungen mit den Parteien sorgen beim Wähler dafür, dass sich neben einzelnen, auch Mehrfachparteibindungen herausbilden können. Zur Messung dieser multiplen Bindungen haben wir ein eigenes Messinstrument entwickelt, validiert und in das GESIS-Panel, eine repräsentative Befragung der deutschen Bevölkerung, integriert (mehr dazu in diesem Artikel: https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/17457289.2018.1466785?journalCode=fbep20). Dabei zeigt sich folgende Verteilung.

Mehrfachparteibindungen in Deutschland

Etwas mehr als 40 Prozent der Befragten besitzen keine Bindung an irgendeine Partei. Einzelne Parteibindungen sind vor allem für die Union vorherrschend, damit kann die CDU/CSU wohl auf die treueste Anhängerschaft zählen. Knapp 30 Prozent aller Wahlberechtigten (und über 50 Prozent der Personen mit Parteiidentifikation) besitzen eine mehrfache Parteibindung. Parteiidentifikationen zu mehreren Parteien sind also durchaus in nennenswerter Zahl in Deutschland vorhanden. Diese sind weiter verbreitet zwischen Parteien innerhalb eines politischen Lagers als zwischen politischen Lagern: Knapp 5 Prozent besitzen demnach eine Bindung an die Union und FDP und mehr als 6 Prozent fühlen eine tiefergehende Sympathie für SPD und Grüne. Anhänger von beiden Volksparteien sind lediglich 2,7 Prozent.

Wähler mit Mehrfachparteibindungen sind in ihrer Wahlentscheidung – unabhängig von anderen Faktoren – zudem konträren Einflüssen ausgesetzt, die aus ihrer Bindung resultieren: Mehrere rosa Brillen aufzuhaben, kann verwirrend sein und Kopfschmerzen auslösen. Um dieser Komplexität gerecht zu werden, bedarf es daher sowohl entsprechender kognitiver Fähigkeiten als auch einen motivationalen Aspekt. Tatsächlich ist die Herausbildung von Mehrfachparteibindungen – zumindest innerhalb politischer Lager – signifikant begünstigt durch formale Bildung und politisches Interesse als Facetten einer kognitiven Mobilisierung. Hochgebildete und stark politisch Interessierte besitzen dabei mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Mehrfachparteibindung als weniger gebildete oder politisch desinteressierte Personen.

Aber auch Kontextfaktoren spielen für die Herausbildung von Mehrfachbindungen eine wichtige Rolle, insbesondere die Zugehörigkeit zu konfligierenden gesellschaftlichen Großgruppen. Diese sind für gewöhnlich eng verbandelt mit bestimmten politischen Parteien. So sind Mehrfachparteibindungen zwischen politischen Lagern – am Beispiel der Bindung an die SPD und Union – dort stärker ausgeprägt, wo Bürger sowohl Gewerkschaftsmitglied als auch regelmäßige Kirchgänger sind.

Für den Parteienwettbewerb hat die Beachtung, dass es Mehrfachparteibindungen überhaupt gibt, weitreichenden Konsequenzen. Parteien können weniger als gedacht auf ihr Stammklientel zählen, da der Anteil der Personen mit alleiniger Parteibindung recht gering ist. Parteien müssen also stärker um ihr Klientel werben und programmatische Unterschiede und Abgrenzungen zu anderen Parteien deutlich machen. Gleichzeitig dürfen Wahlkämpfe nicht zu polarisierend sein, da man sonst Personen mit Mehrfachparteibindungen verschreckt. Dies alles führt zu einer eher konsensorientierten Gestaltung von Politik, die gerade der AfD als neue politische Kraft viel Projektions- und Angriffsfläche bietet.

Mehr Informationen bei:

Dr. Martin Schultze
martin.schultze@conceptm.eu

2018-06-22T09:01:09+00:00 Blog, Studie|

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