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Rochus Winkler zur Industrie 4.0 und den Folgen

Mein persönliches Unwort des Jahres: „Wegdigitalisieren“

Auch in einer Welt von lernfähigen Maschinen ist hochspezialisiertes menschliches Wissen von unschätzbarem Wert. Die Angst, dass die Maschinen den Menschen die Arbeit wegnehmen, ist unbegründet. Der Antagonismus von Mensch und Maschine bleibt erhalten.

Das Schlagwort der Wirtschaft in diesen Tagen lautet „Industrie 4.0“, und damit werden all die Entwicklungen umrissen, die vernetzte, lernfähige und zumindest in Teilen autonom agierende Informationstechnologien ermöglichen. Es gibt bereits Industrieproduktionen, bei denen individuelle Kundenwünsche auf Chips festgehalten werden, die dann Robotern übergeben werden. Die Roboter machen sich direkt ans Werk; sie bewegen Bauteile aus Aluminium, schneiden diese exakt in Module und übernehmen weitere, verfeinernde Fertigungsprozesse.

Interessanterweise bauen die menschlichen „Kollegen“ der Maschinenhelfer eine Beziehung zu den Geräten auf – sie geben ihnen Namen und sind insbesondere froh darüber, dass körperlich schwere Arbeiten von den Robotern übernommen werden. Was der Wandel bedeutet, beschrieb unlängst ein deutscher Unternehmer in einem Interview: „Wir sind ein ganz neues Unternehmen. Auftragseingang, Herstellung und Auslieferung sind automatisiert. Menschen übernehmen Kontroll-Funktionen oder sind hochspezialisiert in der Instandhaltung und Führung der Roboter tätig.“

Roboter statt Arbeitsplätze

Dieser Euphorie, die Welt mit Hilfe der Informationstechnologie zu einem besseren Produktionsstandort zu machen, steht wie so oft eine gesellschaftliche Debatte gegenüber, die mit dem Wort „seltsam“ noch milde umschrieben ist. Sie ist getrieben von der Furcht, dass ein Großteil der menschlichen Arbeitskräfte künftig mit Robotern um Arbeitsplätze konkurrieren werde – und natürlich unterliege, weil Roboter weder Lohnerhöhungen fordern noch Urlaubsanträge einreichen.

Zudem, so eine weitere Befürchtung, würden Unternehmen auch strukturell unmenschlicher, weil das Management der Zukunft in weiten Teilen beschäftigt sei, die maschinengetriebenen Mitarbeiter zu führen. Mitarbeiter und auch gesellschaftliche Konventionen würden einfach „wegdigitalisiert“.

Nun mag man einwenden, dies sei halt die typisch deutsche, zaghafte und furchtsame Haltung dem Neuen gegenüber. Eine Haltung übrigens, dies nur als Anmerkung, die auch wesentlich zum Erfolg des Modells Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen hat. Allerdings scheint die Skepsis, mit der der Industrie 4.0 in der gegenwärtigen Diskussion begegnet wird, deutlich über das Ziel hinauszuschießen – weshalb „Wegdigitalisieren“ mit seiner fortschrittsfeindlichen Konnotation für mich persönlich das Unwort das Jahres ist.

Wenn wir im „Neuen“ in erster Linie etwas Schlechtes, Negatives sehen, wenn wir Besitzstände wahren wollen, und wenn wir die Energie für neue Ideen und Umsetzungen von Megatrends nicht zulassen, geraten wir künftig in Probleme. Lassen wir unserer unbegründeten Angst freien Lauf und stellen uns gegen die fortschreitende Technisierung und Digitalisierung, vergeben wir – das ist meine Überzeugung – großartige Chancen. Im Konkurrenzkampf der Volkswirtschaften wird Deutschland dann das Nachsehen haben, die Digitalisierung der Industrie wird dort stattfinden, wo der Wandel mit offenen Armen empfangen wird.

Am Anfang der Kette steht der Mensch 

Mein Plädoyer für die Digitalisierung sollte allerdings nicht mit blinder Technikgläubigkeit verwechselt werden, eher im Gegenteil. Denn ich bin der Auffassung, dass der Antagonismus von Mensch und Maschine die gesellschaftliche Entwicklung auch weiterhin prägen wird – und der Mensch am Ende, wie bei den vorherigen Innovationszyklen auch, das bessere Ende für sich haben wird. Mögen die Algorithmen auch mächtiger und mächtiger werden, am Anfang der Kette steht immer noch der Mensch als sinnstiftende Instanz.

Aber wie sollen die Menschen konkret damit umgehen, dass schon in naher Zukunft eine Fülle von Tätigkeiten, für die bisher Menschen unerlässlich waren, von lernfähigen Robotern ausgeführt werden können?

Ein Bündel verschiedener Strategien dürfte sich bewähren: Die Arbeitskräfte könnten aktiv an der Digitalisierung mitarbeiten, also dafür sorgen, dass sie auch weiterhin am Anfang der Kette stehen. Ein zweiter Ausweg wäre die weitere Spezialisierung – auch in einer Welt der lernfähigen Maschinen ist hochspezialisiertes menschliches Wissen von unschätzbarem Wert. Und natürlich sollte jeder Mensch ohnehin das Bestreben haben, in seiner Tätigkeit nicht nur das Ausführen vorgestanzter Prozessschritte zu sehen, sondern ein tieferes Verständnis zu entwickeln und somit proaktiv handeln zu können – diese Fähigkeit wäre die dritte Strategie.

Lernen von Amerika?

Wer so denkt, verwandelt bedrohliche Szenarien in Chancen. Vielleicht sollten wir uns ein wenig mehr von der amerikanischen Haltung – wie wir sie zumindest bis zum Wahlergebnis „Trump“ kannten – in einer Neuerung zunächst die Möglichkeiten zu sehen und sie deshalb aufzugreifen, aneignen. Statt dessen beobachte ich eine oftmals als „deutsch“ verrufenen Mentalität, zunächst über die Gefahren und Risiken einer Innovation nachzudenken und dann erst einmal alles auf Eis zu legen. Ein wenig mehr Risikobereitschaft täte der Debatte um das Feld Industrie 4.0 gut.

Das sollte übrigens auch für die Marktforschung selbst gelten – Offenheit zulassen, Entwicklungen aufgreifen und eine positive Haltung einnehmen. Denn auch die Marktforschung muss sich der Digitalisierung stellen.

Bei Fragen wenden Sie sich an:  rochus.winkler@conceptm.eu

Der Artikel erschien am 14.12.2016 in der Planung&Analyse.

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