Aktuellen Studien zufolge leidet jeder fünfte Deutsche an Erkrankungen aus dem depressiven Formenkreis, insbesondere die Diagnose „Burn-Out“ ist unter Werktätigen weit verbreitet. Klar ist: Wird eine solche Diagnose erst einmal gestellt, ist sie ein Einschnitt für die Betroffenen, verbunden in aller Regel mit langwierigen und komplexen Behandlungsroutinen.

Umso überraschender ist es, dass – obwohl die Krankheit in aller Regel ein sehr vielschichtiges und mitunter zwiespältiges Verhältnis von Patient und Arzt begründet – die Behandlungskultur der Depression bisher kaum Gegenstand von Untersuchungen war. Mit einer grundsätzlichen Studie hat concept m nun dieses unbekannte Gebiet betreten. Die Untersuchung zeigt, dass die Diagnose Depression auch die behandelnden Ärzte belastet, teilweise sogar schwer.

Die Mediziner werden in mehrfacher Hinsicht in ein Dilemma gestürzt. Auf der einen Seite sehen sie sich dem Zwang gegenüber, schnell und (medikamentös) massiv einzugreifen, etwa zur Suizidprävention. Dieser „schnelle Eingriff“ wird auch von den Patienten, die unter einem hohen Leidensdruck stehen, massiv eingefordert. Viele Patienten versuchen massiv Einfluss auf den Arzt nehmen und ihn in seinen therapeutischen Entscheidungen zu beeinflussen.

Auf der anderen Seite steht demgegenüber das Wissen um ein „aus den Fugen geratenes Leben“, das einer viel grundsätzlicher Herangehensweise bedarf, um eine wirkliche Besserung zu erreichen. Die biographisch-symptomatische Ursachenfeststellung führt gewöhnlich zu keinem klaren und eindeutigen Ergebnis. Überspitzt gesagt, erlebt der Mediziner also, wie seine Behandlung nicht zum Kern der Erkrankung vordringt und zumindest teilweise einen ungesunden Zustand zementiert.

Der zweite Zwiespalt, in dem Ärzte sich befinden, resultiert aus der kausalorientierten Ausbildung, die sie durchlaufen haben. Demnach müssen Krankheiten Ursachen haben, beispielsweise Infektionen durch Krankheitserreger. Die Depression verschließt sich dieser Systematik weitestgehend.

Selbst wenn klar eine Depression diagnostiziert wird, stehen mehrere Theorien über deren Ätiologie zur Verfügung – mit voneinander abweichenden Folgerungen für die Therapie. Es lässt sich keine klare Ursache benennen, und es gibt auch keinen Goldstandard in der Therapie, nur ein „Sich-Herantasten“.

Die Präferenz für eine medikamentöse Therapie, vor allem bei Allgemeinmmedizinern, lässt sich auch dadurch erklären, dass sie die größte Annäherung an das übliche Vorgehen schafft und hier gewohnte Alltagsroutinen aus dem Praxisbetrieb greifen. Insbesondere die Behandlung der Nebenwirkungen der medikamentösen Therapie bewirkt eine Druckminderung im Arzt-Patient-Verhältnis, da der Mediziner bei der Abfrage unerwünschter Wirkungen wieder auf das gewohnte Kausalitätsschema zurückgreifen kann und diese zusätzlichen Befindlichkeitsstörungen wieder klassisch mit weiteren Medikamenten bekämpfen kann.

Die Studie zeigt, dass es Ärzten schwer fällt, die Diagnose Depression für ihre Patienten zu akzeptieren, weil sie weitreichende Konsequenzen hat. Sie tun sich schwer mit den Bindungen, die von den Patienten an sie herangetragen werden, und sie haben ihre Probleme mit dem lockeren medizinischen Konsens zu den Möglichkeiten der Behandlung.

Bei der Behandlung depressiver Patienten lassen sich der Studie zufolge verschiedene Ärzte-Typologien voneinander abgrenzen. Die fünf wichtigsten Gruppen sind:

Selbstschützer mit „dickem Fell“:
Bei diesem Typus handelt es sich vorwiegend um ältere Allgemeinmediziner, die die Behandlung eher als Verwaltungsakt betrachten und bevorzugt Medikamente in Form von Spritzen verabreichen, um sich das Ringen um Compliance von vornherein zu ersparen. In lange Leidensgeschichten verwickelt werden – das möchten sie nicht.


Ganzheitliche Idealisten:
Die Vertreter dieser Gruppe, in der Regel jüngere Ärzte oder ältere Kollegen, die dem eigenen Betrieb mittlerweile kritisch gegenüberstehen, bewerten hingegen die Gabe von Psychopharmaka als „Stilllegungsmedizin“. Sie haben das Gefühl, sich voll und ganz – auch zeitlich – für den Patienten einsetzen zu müssen und leiden dann daran, dass der reglementierte Medizinbetrieb dies nicht zulässt.
Routinierte Lotsen:
Vorwiegend Psychiater gehören zur Gruppe der routinierten Lotsen, die auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen und ihre Hauptaufgabe darin sehen, den Patienten „durch die Depression zu führen“. Sie gehen von vornherein davon aus, längere Zeit mit dem Patienten zusammenzuarbeiten. Die Krankheit wird in regelmäßigen Gesprächssitzungen angegangen, die Medikation selbst nur als begleitende Maßnahme verstanden.

Empathische Patientenversteher:
In diese Gruppe gehören Allgemeinmediziner, die oftmals selbst schon eine Depression durchgemacht haben und deshalb eine starke Sympathie für ihre Patienten empfinden. Sie nehmen sich auch außerhalb des Praxisbetriebs Zeit und nutzen den „Draht“ zu den Patienten als vertrauensbildendes Element für ihre Behandlung. Da sie die Depression im Wesentlichen als Stoffwechselstörung begreifen, neigen sie zur medikamentösen Therapie.

Konservative Pragmatiker:
Depressionserfahrene Allgemeinmediziner, Neurologen und Psychiater aus diesem Segment betrachten die Krankheit als relativ einfache und praktisch zu lösende Angelegenheit: Sie setzen auf das breite Repertoire bewährter Medikamente, die in hoher Dosierung verabreicht werden, um die Patienten „schnell aus der Depression herauszubringen“. Neuerungen in der Therapie stehen sie skeptisch gegenüber.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an rochus.winkler@conceptm.eu.

Dieser Artikel erschien am 7. Dezember in der Planung&Analyse.

Verwante Beiträge